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Immanuel Kant (1724-1804)

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Immanuel Kants Position zur Willensfreiheit ist kompliziert und mit Hilfe der gängigen philosophischen Terminologie nur schwer zu erfassen. Einerseits ist Kant Determinist: "Jede Handlung, als Erscheinung [...] ist selbst Begebenheit [...], welche einen andern Zustand voraussetzt, darin die Ursache angetroffen werde [...]" (KrV A543/B571). Andererseits glaubt Kant, dass es einen freien Willen gibt. Und mit dieser These ist er dem Lager der Libertarier näher als dem der weichen Deterministen; denn er ist davon überzeugt, dass Menschen in einem anspruchsvollen Sinne frei sind, da sie über die Fähigkeit verfügen, "unabhängig von [den] Naturursachen [...] etwas hervorzubringen [...], mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen" (KrV A534/B562). Wie passt das zusammen?

Praktische und transzendentale Freiheit

Im Abschnitt "Der Kanon der reinen Vernunft" der Transzendentalen Methodenlehre am Ende der Kritik der reinen Vernunft (KrV) unterscheidet Kant zwischen praktischer und transzendentaler Freiheit. Praktische Freiheit liegt vor, wenn die Entscheidungen einer Person nicht durch "sinnliche Antriebe", sondern durch "Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt werden" bestimmt werden (KrV A802/B830). Praktische Freiheit liegt damit ganz nahe bei der von John Locke für zentral gehaltenen Fähigkeit, sich nicht durch die unmittelbare Antriebe bestimmen zu lassen, sondern durch rationale Überlegungen, die auch längerfristige Ziele und Interessen berücksichtigen. "Denn, nicht bloß das, was reizt, d.i. die Sinne unmittelbar affiziert, bestimmt die menschliche Willkür, sondern wir haben ein Vermögen, durch Vorstellungen von dem, was selbst auf entferntere Art nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu überwinden; diese Überlegungen aber von dem, was in Ansehung unseres ganzen Zustandes begehrungswert, d.i. gut und nützlich ist, beruhen auf der Vernunft." (ebd.) Freiheit in diesem Sinne – praktische Freiheit – ist empirisch nachweisbar und mit kausaler Determiniertheit vereinbar (KrV A803/B831). Transzendentale Freiheit dagegen charakterisiert Kant als "eine Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen) von allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt" (ebd.) Entscheidungen sind praktisch frei, sofern sie auf vernünftige Überlegungen zurückgehen; sie sind transzendental frei, wenn diese Überlegungen selbst frei sind (Baumann 142). Ob wir nicht nur im praktischen, sondern auch im transzendentalen Sinne frei sind, hält Kant an dieser Stelle für eine spekulative Frage, die für die praktische Philosophie ganz unwichtig sei. Doch das ist nicht Kants letztes Wort in dieser Sache.

Die Grundzüge der theoretischen Philosophie Kants

Kant versucht in seiner theoretischen Philosophie, eine Antwort auf die Frage zu finden, was man a priori (durch reines Denken ohne Rückgriff auf Erfahrung) über die Welt herausfinden kann. David Hume hatte die Auffassung vertreten, dass wir durch reines Denken überhaupt keine substanziellen Wahrheiten über die Welt erkennen können. A priori, so Hume, lassen sich nur triviale Aussagen wie, dass alle Junggesellen unverheiratet sind, als wahr erweisen – Aussagen, deren Wahrheit sich allein schon aus der Bedeutung der in ihnen vorkommenden Begriffe ergibt. Kant ist durch Humes Argumente beeindruckt; doch sie überzeugen ihn nicht völlig. Nach Kant scheitert das reine Denken nur, wenn es um Gegenstände geht, die unsere Erfahrung grundsätzlich übersteigen. Über die Grundstrukturen der Erfahrungswelt kann man in seinen Augen durchaus auch a priori substanzielle Erkenntnisse gewinnen. Warum?

Die Welt und die in ihr vorkommenden Gegenstände müssen nach Kant bestimmte Eigenschaften haben, damit sie überhaupt Gegenstände der Erfahrung sein können. Wenn etwas ein Gegenstand der Erfahrung ist, können wir daher a priori wissen, dass es mindestens über diese Eigenschaften verfügt. Kant spricht hier von den Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung und nennt die Philosophie, die diese Bedingungen analysiert, "Transzendentalphilosophie". In seiner Transzendentalphilosophie kommt Kant u.a. zu dem Ergebnis, dass (1) Gegenstände räumlich und zeitlich geordnet sein müssen (wobei Raum und Zeit eine bestimmte Struktur haben), damit sie Gegenstände der Erfahrung sein können, dass es (2) in unserer Erfahrungswelt Substanzen gibt, d.h. Dinge, die im Laufe der Zeit bei allen Veränderungen, die sie erleiden, dieselben bleiben, und dass (3) alle Veränderungen in unserer Erfahrungswelt eine Ursache haben. Die Welt, so wie wir sie erfahren, nennt Kant die "Welt der Erscheinungen" (Phänomena). Von der Erscheinungswelt unterscheidet er die Welt der Dinge an sich (Noumena). Erfahrungen kommen so zustande, dass die Welt der Dinge an sich in uns Anschauungen hervorruft und der Verstand dann diese Anschauungen anhand der Anschauungsformen Raum und Zeit sowie der Kategorien (zu denen u.a. Substanz und Kausalität gehören) so strukturiert, dass eine Welt erfahrbarer Gegenstände entsteht.

Soweit der positive Teil der Kantschen Transzendentalphilosophie; im negativen Teil – der transzendentalen Dialektik – versucht er zu zeigen, dass es uns unmöglich ist, a priori zu substantiellen Aussagen über Gegenstände zu kommen, die jede mögliche Erfahrung übersteigen – Gott, die Welt als Ganze, das Ich. Dies zeigt sich z.B. daran, dass es, wenn es um die Welt als Ganze geht, eine Reihe von Aussagen gibt, bei denen wir sowohl die Aussage selbst als auch ihr Gegenteil "beweisen" können. (Kant spricht von den Antinomien der reinen Vernunft.) Zu diesen Aussagen gehören die Aussagen "Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen", "Jeder zusammengesetzte Gegenstand besteht aus einfachen Teilen" und "Zur Welt gehört ein schlechthin notwendiges Wesen" (erste, zweite und vierte Antinomie).

Gibt es transzendentale Freiheit?

Die dritte Antinomie (KrV A444ff./B472ff.) hat direkt mit der Möglichkeit transzendentaler Freiheit zu tun. Hier geht es um die Frage, ob es in der Welt nur Ereigniskausalität gibt, der zufolge alle Ereignisse durch andere Ereignisse verursacht werden, oder ob es notwendig ist, noch eine andere Art von Kausalität anzunehmen – Kausalität durch Freiheit, das Vermögen, eine Kette von Ereignissen "schlechthin anzufangen". Wieder lassen sich beide Antworten "beweisen". Wenn jedes Ereignis in der Welt seine Ursache in anderen Ereignissen hätte, dann wäre die Kette der Ursachen nie vollständig. Das ist aber unmöglich. Also muss es einen Anfang (einen unbewegten Beweger) geben, der die erste Ursache von allem ist. Und dies ist nur möglich, wenn es neben Ereigniskausalität auch Kausalität durch Freiheit gibt. Allerdings: Die Annahme, dass es Kausalität durch Freiheit gibt, widerspricht ihrerseits dem Kausalgesetz; denn wenn eine Kette von Ereignissen irgendwann von selbst anfängt, dann kann es für diesen Anfang selbst offenbar keine Ursache geben. Mit Hilfe der theoretischen Vernunft können wir also nicht entscheiden, ob die Welt einen ersten Anfang hat oder ob jedes Ereignis in der Welt durch andere Ereignisse verursacht wird. Doch Kant will hier auch noch auf etwas anderes hinaus. Die Idee eines ersten Anfangs ist offenbar nicht in sich widersprüchlich – also auch nicht die Idee von Kausalität durch Freiheit. Und das heißt, dass es immerhin möglich ist, dass wir im transzendentalen Sinne frei sind.

In der Erfahrungswelt – der Welt der Erscheinungen – gilt jedoch das Kausalgesetz. Hier herrscht ein durchgängiger Determinismus. In dieser Welt ist Kausalität durch Freiheit daher nicht möglich. Mit anderen Worten, transzendental frei können wir höchstens sein, insofern wir eben nicht nur Teil der Welt der Erscheinungen, sondern auch Noumena sind – Teil der Welt der Dinge an sich. Kant vereinbart die Annahme des Determinismus mit der Annahme der Freiheit, indem er sie verschiedenen Welten zuordnet. Jedes handelnde Subjekt ist als Gegenstand der Erfahrung auf der einen Seite Teil der Erscheinungswelt (es hat, wie Kant sagt, einen "empirischen Charakter"; KrV, A539/B567). Als Erscheinung unterliegen es und seine Handlungen vollständig den Naturgesetzen; jede seiner Handlungen wird von zeitlich früheren Bedingungen eindeutig determiniert: "alle Handlungen des Menschen in der Erscheinung [sind] aus seinem empirischen Charakter und den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt, und wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen könnten, so würde es keine einzige menschliche Handlung geben, die wir nicht mit Gewissheit vorhersagen und aus ihren vorhergehenden Bedingungen als notwendig erkennen könnten" (KrV, A550/B578). Das handelnde Subjekt ist aber auch "Ding an sich" (es hat auch einen "intelligibelen Charakter"; KrV, A539/B567), und bringt als solches Handlungen (ihrerseits als Noumena verstanden) frei hervor: "jede Handlung, unangesehen des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen Erscheinungen steht, ist die unmittelbare Wirkung des intelligibelen Charakters" (KrV A553/B581). Da aber ‚Dinge an sich' nicht zeitlich sind, kann der intelligible Charakter des Subjekts selbst nicht durch zeitlich frühere Ursachen determiniert sein – in diesem Sinne hat also der Mensch das "Vermögen [...], eine Reihe von Begebenheiten von selbst anzufangen" (KrVA554/B582) und ist im transzendentalen Sinne frei. "So würde denn", schreibt Kant, "Freiheit und Natur [...] bei eben denselben Handlungen, nachdem man sie mit ihrer intelligibelen oder sensibelen Ursache vergleicht, zugleich und ohne allen Widerstreit angetroffen werden." (KrV A541/B569)

Bis hierher, könnte man sagen, hat Kant gezeigt, dass wir transzendental frei sein können, insofern wir auch Noumena sind. Aber sind wir tatsächlich transzendental frei? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich für Kant weniger aus der theoretischen als aus der praktischen Vernunft, der es nicht um das geht, was ist, sondern um das, was sein soll. Die praktische Vernunft sagt uns, was richtig und was falsch ist, was wir tun und was wir lassen sollen. Sollen setzt aber Können voraus. Also müssen wir auch die Fähigkeit haben zu tun, was wir tun sollen. Und genau aus diesem Umstand folgt unsere transzendentale Freiheit. Denn das Naturgeschehen folgt nur dem Gesetz von Ursache und Wirkung. In der Natur geschieht nie etwas, weil es geschehen soll, sondern immer nur, weil es – aufgrund der gegebenen Ursachen – geschehen muss. Mit anderen Worten: Wir können nur dann tun, was wir tun sollen, wenn wir im transzendentalen Sinne frei sind. Und genau deshalb sind wir im transzendentalen Sinne frei.

Kritik

1. Zu Kants Hauptthesen gehört, dass Metaphysik nur als Erforschung der Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung möglich ist. Seine Überlegungen zur transzendentalen Freiheit führen ihn aber zu massiven Annahmen über das, was in der Welt der Noumena vorgeht. Es ist kaum zu sehen, wie dies zusammen passt.

2. Darüber hinaus werfen diese Überlegungen die Frage auf, wie sich Erscheinungen und noumenale Begebenheiten zueinander verhalten. Wie verhält sich das handelnde Subjekt, insofern es zur Welt der Erscheinungen gehört, zu dem Subjekt, das Teil der noumenalen Welt ist? Oder bei Handlungen: Wie hat man sich vorzustellen, dass eine Handlung einerseits vollständig durch andere Ereignisse determiniert ist, andererseits jedoch zugleich eine unmittelbare Wirkung des intelligiblen Charakters des handelnden Subjekts ist? Ist hier wirklich von derselben Handlung die Rede? Oder handelt es sich um zwei Vorgänge – einen in der Welt der Erscheinungen und einen in der Welt der Dinge an sich? Und wenn das so ist, wie verhalten sich diese Vorgänge zueinander?

3. In diesen Zusammenhang gehört auch folgendes Problem. Nach Kant ist die noumenale Welt nicht zeitlich strukturiert. Wenn ein handelndes Subjekt als Noumenon spontan eine Reihe von Begebenheiten von selbst anfangen lässt, muss das aber zu einem bestimmten Zeitpunkt geschehen. Auch freies Handeln ist Handeln zu einem Zeitpunkt und damit mit dem nicht-zeitlichen Charakter eines noumenalen Subjekts unvereinbar.

4. Weiter ist unklar, welche Konsequenzen Kants Theorie hat: Wenn alle Handlungen eines Subjekts Wirkungen seines "intelligibelen Charakters" sind, heißt das, dass alle seine Handlungen frei sind (wie auch Kants Beispiel in KrV, A554/B582 ff. suggeriert)? Ist das wirklich plausibel? Und wie passt diese radikale Position zu Kants Behauptung, es sei uns "gänzlich verborgen", wie viel von einer Handlung "reine Wirkung der Freiheit" und wie viel "der bloßen Natur [...] zuzuschreiben" ist (KrV A551/B579, Fn l)?

5. Weitere Probleme entstehen dadurch, dass Kant den "intelligibelen Charakter" des Subjekts mit dessen Vernunft identifiziert (KrV, A 547/ B 575), und die kausale Wirksamkeit des "intelligibelen Charakters" auf die normative Kraft von Vernunftgründen zurückführt – was den (von Kant sicher nicht beabsichtigten) Schluss nahe legt, nur vernünftige Handlungen könnten freie Handlungen sein (d.h. Handlungen, die nicht nur durch "empirische Ursachen", sondern auch durch "Gründe der Vernunft" bestimmt sind; vgl. A 550/ B 578).


Literatur

© Ansgar Beckermann
Letzte Bearbeitung: 2005-03-08 00:00:00